Warum Schrittmotoren bei hoher Drehzahl Drehmoment verlieren

Schrittmotoren liefern ihr maximales Drehmoment typischerweise im Stillstand oder bei niedrigen Drehzahlen. Mit steigender Drehzahl nimmt das verfügbare Drehmoment jedoch deutlich ab. Dieses Verhalten ist kein Fehler des Motors, sondern eine grundlegende physikalische Eigenschaft von Schrittmotoren und ihrer Ansteuerung.

Für Entwickler und Konstrukteure ist es wichtig zu verstehen, welche Effekte dahinterstehen. Nur so lässt sich ein Antrieb korrekt auslegen und Schrittverluste vermeiden.


Die Drehmoment Frequenz Kennlinie

Das Drehmoment eines Schrittmotors wird üblicherweise über eine sogenannte Drehmoment Frequenz Kennlinie dargestellt.

Diese Kennlinie zeigt, wie sich das verfügbare Drehmoment mit steigender Schrittfrequenz verändert.

Typisches Verhalten:

• sehr hohes Drehmoment im Stillstand (Haltemoment)
• leichter Abfall bei niedriger Drehzahl
• starker Drehmomentverlust bei steigender Drehzahl
• oberhalb einer Grenzfrequenz kann der Motor keine Schritte mehr folgen

Der Grund liegt im elektrischen Verhalten der Motorwicklung.


Elektrische Zeitkonstante der Wicklung

Die Wicklungen eines Schrittmotors besitzen Induktivität und Widerstand. Zusammen bilden sie eine sogenannte elektrische Zeitkonstante.

Diese bestimmt, wie schnell sich der Strom in der Wicklung aufbauen kann.

Bei niedrigen Drehzahlen hat der Strom ausreichend Zeit, um den Sollwert zu erreichen. Dadurch entsteht ein starkes Magnetfeld und der Motor liefert hohes Drehmoment.

Bei hohen Drehzahlen passiert etwas anderes:

Die Stromimpulse folgen so schnell aufeinander, dass der Strom in der Wicklung nicht mehr vollständig ansteigen kann. Das Magnetfeld bleibt schwächer und das erzeugte Drehmoment sinkt.

Je größer die Induktivität der Wicklung ist, desto stärker ist dieser Effekt.


Gegenspannung des Motors

Ein weiterer Effekt ist die sogenannte Gegen EMK.

Sobald sich der Rotor dreht, wirkt der Motor selbst wie ein Generator. Dabei entsteht eine Spannung, die der angelegten Versorgungsspannung entgegenwirkt.

Mit steigender Drehzahl wird diese Gegenspannung größer.

Die Folge:

Ein Teil der Versorgungsspannung wird durch die Gegen EMK kompensiert. Dadurch steht weniger Spannung für den Stromaufbau in der Wicklung zur Verfügung. Auch das reduziert das Drehmoment.


Mechanische Trägheit des Systems

Neben den elektrischen Effekten spielt auch die Mechanik eine Rolle.

Bei steigender Drehzahl muss der Rotor zusammen mit der angeschlossenen Last immer schneller beschleunigt werden. Die Trägheit der bewegten Masse wirkt dabei dem Drehmoment entgegen.

Typische Einflussfaktoren sind:

• Massenträgheit der Last
• Reibung im System
• Beschleunigungsrampen der Steuerung
• mechanische Resonanzen

Wenn das verfügbare Drehmoment kleiner wird als das benötigte Lastmoment, verliert der Motor Schritte.


Maßnahmen zur Verbesserung des Drehmoments bei hohen Drehzahlen

In der Praxis gibt es mehrere Möglichkeiten, die Hochdrehzahlperformance eines Schrittmotors zu verbessern.

Höhere Versorgungsspannung

Eine höhere Betriebsspannung beschleunigt den Stromaufbau in der Wicklung. Dadurch kann auch bei hohen Schrittfrequenzen mehr Drehmoment erzeugt werden.

Treiber mit Stromregelung

Moderne Treiber arbeiten mit Chopper Regelung und halten den Strom auch bei wechselnden Drehzahlen stabil.

Motoren mit niedriger Induktivität

Motoren mit geringer Induktivität reagieren schneller auf Stromänderungen und behalten ihr Drehmoment länger bei steigender Drehzahl.

Microstepping Steuerungen

Feinere Stromverläufe reduzieren Resonanzen und verbessern den ruhigen Lauf bei höheren Drehzahlen.

Optimierte Beschleunigungsprofile

Sanfte Rampen verhindern, dass der Motor in kritischen Drehzahlbereichen überlastet wird.


Fazit

Der Drehmomentverlust bei hohen Drehzahlen ist ein typisches Verhalten von Schrittmotoren und ergibt sich aus mehreren physikalischen Effekten:

• begrenzter Stromaufbau durch Wicklungsinduktivität
• steigende Gegenspannung bei Rotation
• mechanische Trägheit der Last

Durch die richtige Kombination aus Motor, Treiber, Versorgungsspannung und Systemauslegung lässt sich der nutzbare Drehzahlbereich jedoch deutlich erweitern.

Gerade in Anwendungen wie Dosiersystemen, Ventilsteuerungen, Laborgeräten oder präzisen Positionierantrieben ist eine saubere Auslegung entscheidend, um eine stabile und zuverlässige Bewegung sicherzustellen.