Drehmoment-Frequenz-Kennlinie bei Schrittmotoren

Wie Entwickler die Kennlinie richtig lesen und den passenden Motor auswählen

Die Drehmoment-Frequenz-Kennlinie eines Schrittmotors ist eines der wichtigsten Werkzeuge bei der Auslegung und Auswahl von Antriebssystemen. Sie beschreibt den Zusammenhang zwischen dem verfügbaren Drehmoment eines Motors und der Schrittfrequenz beziehungsweise Drehzahl. Für Entwickler liefert diese Kennlinie entscheidende Informationen darüber, in welchem Arbeitsbereich ein Motor stabil betrieben werden kann.

Während viele Datenblätter zunächst nur das Haltemoment eines Schrittmotors angeben, beschreibt die Drehmoment-Frequenz-Kennlinie das tatsächliche Verhalten des Motors im dynamischen Betrieb. Gerade in realen Anwendungen, in denen Motoren beschleunigen, Lasten bewegen oder kontinuierliche Bewegungen ausführen müssen, ist diese Kennlinie wesentlich aussagekräftiger als ein einzelner Drehmomentwert.

Für Konstrukteure im Maschinenbau, in der Automatisierung oder in der Medizintechnik ist das Verständnis der Drehmoment-Frequenz-Kennlinie daher ein zentraler Bestandteil der Motorwahl.

Ein Bild, das Reihe, Diagramm, Entwurf, Steigung enthält.

Automatisch generierte Beschreibung
Bild: Start- und Beschleunigungsbereich im ML – fS - Diagramm

 


Was eine Drehmoment-Frequenz-Kennlinie zeigt

Die Drehmoment-Frequenz-Kennlinie stellt grafisch dar, wie sich das verfügbare Drehmoment eines Schrittmotors mit steigender Schrittfrequenz verändert. Auf der horizontalen Achse wird in der Regel die Schrittfrequenz oder Drehzahl dargestellt, während auf der vertikalen Achse das verfügbare Drehmoment an der Motorwelle aufgetragen ist.

Typischerweise beginnt die Kennlinie bei niedriger Frequenz mit dem maximalen Haltemoment des Motors. Mit steigender Schrittfrequenz fällt das verfügbare Drehmoment kontinuierlich ab. Dieser Effekt ist eine grundlegende physikalische Eigenschaft von Schrittmotoren.

Der Hauptgrund für diesen Drehmomentabfall liegt in der Induktivität der Motorwicklungen. Wenn ein Motor mit steigender Frequenz betrieben wird, bleibt immer weniger Zeit für den Stromanstieg in den Wicklungen. Dadurch wird das Magnetfeld im Motor schwächer und das erzeugte Drehmoment nimmt ab.

Die Drehmoment-Frequenz-Kennlinie beschreibt daher den tatsächlich nutzbaren Leistungsbereich eines Schrittmotors.


Der Startbereich eines Schrittmotors

Ein wichtiger Teil der Drehmoment-Frequenz-Kennlinie ist der sogenannte Start- oder Pull-in-Bereich. Dieser Bereich beschreibt die Kombinationen aus Drehmoment und Schrittfrequenz, bei denen ein Motor direkt aus dem Stillstand starten kann, ohne Schritte zu verlieren.

Innerhalb dieses Bereichs kann der Motor sofort beschleunigen und auch wieder anhalten, ohne dass eine Beschleunigungsrampe notwendig ist. Die maximal mögliche Startfrequenz hängt dabei stark von der Last und von der mechanischen Trägheit des Systems ab.

In der Praxis liegt die Startfrequenz häufig deutlich unter der maximal möglichen Betriebsfrequenz. Aus diesem Grund werden Schrittmotoren in den meisten Anwendungen nicht direkt mit hoher Geschwindigkeit gestartet, sondern über eine Beschleunigungsrampe auf die gewünschte Drehzahl gebracht.


Der Betriebsbereich eines Schrittmotors

Neben dem Startbereich existiert der sogenannte Pull-out-Bereich. Dieser beschreibt den Bereich, in dem der Motor stabil laufen kann, sofern er zuvor auf diese Frequenz beschleunigt wurde.

Innerhalb dieses Betriebsbereichs kann der Motor kontinuierlich rotieren und Drehmoment übertragen. Wird jedoch versucht, den Motor direkt mit dieser Frequenz zu starten, kann es zu Schrittverlusten kommen.

Der Unterschied zwischen Startbereich und Betriebsbereich ist daher besonders wichtig für die Auslegung von Bewegungsprofilen. Moderne Motorsteuerungen verwenden gezielte Beschleunigungsrampen, um den Motor sicher aus dem Startbereich in den Betriebsbereich zu führen.


Einfluss von Lastträgheit auf die Kennlinie

Die Drehmoment-Frequenz-Kennlinie eines Motors wird nicht nur vom Motor selbst bestimmt, sondern auch von der angeschlossenen Mechanik. Besonders wichtig ist dabei das Trägheitsmoment der Last.

Wenn ein zusätzliches Lastträgheitsmoment an die Motorwelle gekoppelt wird, verändert sich das dynamische Verhalten des Systems. Eine höhere Lastträgheit führt in der Regel dazu, dass die maximal mögliche Startfrequenz sinkt. Der Motor benötigt dann eine flachere Beschleunigungsrampe, um Schrittverluste zu vermeiden.

In der Praxis müssen Entwickler daher immer das Gesamtsystem aus Motor und Last betrachten. Die Kennlinie im Datenblatt beschreibt in der Regel nur den Motor selbst. Das tatsächliche Verhalten kann sich durch die angeschlossene Mechanik deutlich verändern.


Möglichkeiten zur Erweiterung des Arbeitsbereichs

Der nutzbare Arbeitsbereich eines Schrittmotors kann durch verschiedene Maßnahmen erweitert werden. Besonders wichtig sind dabei der Motorstrom und die Versorgungsspannung des Treibers.

Eine Erhöhung des Phasenstroms führt zu einem stärkeren Magnetfeld in den Wicklungen und damit zu einem höheren Drehmoment. Dadurch verschiebt sich die Drehmoment-Frequenz-Kennlinie nach oben.

Eine höhere Versorgungsspannung wirkt sich vor allem auf die Dynamik des Motors aus. Durch eine höhere Spannung kann der Strom in den Wicklungen schneller aufgebaut werden. Dadurch bleibt auch bei höheren Schrittfrequenzen ein ausreichendes Drehmoment verfügbar.

In modernen Antriebssystemen werden häufig beide Strategien kombiniert, um den nutzbaren Arbeitsbereich eines Motors zu erweitern.


Bedeutung der Kennlinie für die Motorauswahl

Bei der Auswahl eines Schrittmotors ist die Drehmoment-Frequenz-Kennlinie ein entscheidendes Werkzeug. Entwickler können anhand dieser Kennlinie beurteilen, ob ein Motor die erforderliche Last bei der gewünschten Drehzahl bewegen kann.

In der Praxis wird dazu das benötigte Lastmoment berechnet und anschließend mit der Kennlinie des Motors verglichen. Wichtig ist dabei, dass immer eine ausreichende Sicherheitsreserve eingeplant wird. Typischerweise wird ein Sicherheitsfaktor zwischen zwei und drei gewählt, um Schrittverluste zu vermeiden.

Darüber hinaus müssen auch dynamische Effekte wie Beschleunigung, Reibung oder Resonanzen berücksichtigt werden. Eine sorgfältige Analyse der Kennlinie hilft dabei, den richtigen Motor für eine Anwendung auszuwählen.


Rolle moderner Motorsteuerungen

Moderne Schrittmotorsteuerungen spielen eine wichtige Rolle bei der optimalen Nutzung der Drehmoment-Frequenz-Kennlinie. Durch präzise Stromregelung und Mikroschrittbetrieb lassen sich Drehmomentverlauf und Laufruhe des Motors deutlich verbessern.

Zusätzlich ermöglichen intelligente Bewegungsprofile mit Beschleunigungs- und Bremsrampen einen stabilen Betrieb auch bei höheren Drehzahlen.

Die SmartStep Steuerungen der MICROSTEP GmbH sind beispielsweise darauf ausgelegt, Schrittmotoren effizient und vibrationsarm zu betreiben. Durch optimierte Stromregelungen und flexible Bewegungsprofile lässt sich der verfügbare Arbeitsbereich eines Motors optimal nutzen.


Fazit

Die Drehmoment-Frequenz-Kennlinie ist ein zentrales Werkzeug bei der Auslegung von Schrittmotorantrieben. Sie beschreibt den Zusammenhang zwischen Drehmoment und Schrittfrequenz und zeigt den zulässigen Arbeitsbereich eines Motors.

Durch das Verständnis dieser Kennlinie können Entwickler beurteilen, ob ein Motor die erforderliche Last bei der gewünschten Geschwindigkeit zuverlässig bewegen kann. Gleichzeitig hilft sie dabei, geeignete Beschleunigungsprofile zu definieren und Schrittverluste zu vermeiden.

Eine sorgfältige Analyse der Drehmoment-Frequenz-Kennlinie ist daher ein entscheidender Schritt bei der Auswahl und Dimensionierung von Schrittmotoren für industrielle Anwendungen.